LEGO und Nachhaltigkeit — Plastik, Pflanzen und eine schwierige Wahrheit
LEGO will bis 2030 vollständig nachhaltig werden. Was steckt hinter diesem Versprechen? Wie viel Plastik steckt wirklich in einem Stein — und was passiert mit ausgedienten Sets?
Das Problem: Plastik in Milliardenstückzahl
LEGO produziert jährlich über 100 Milliarden Steine. Alle bestehen aus ABS-Kunststoff (Acrylnitril-Butadien-Styrol) — einem erdölbasierten Thermoplast, der nicht biologisch abbaubar ist und für dessen Herstellung fossile Ressourcen benötigt werden.
Das klingt nach einem Widerspruch zu allem, was LEGO öffentlich kommuniziert. Und es ist einer. Doch das Unternehmen versucht, ihn aufzulösen — mit gemischtem Erfolg.
Das 2030-Versprechen
LEGO hat sich verpflichtet, bis 2030 alle Produkte und Verpackungen aus nachhaltigen Materialien herzustellen. Ein ambitioniertes Ziel. Wie weit ist man davon entfernt?
Verpackung: fast geschafft. Seit 2021 werden LEGO-Sets ohne Plastikbeutel geliefert — die Steine kommen in nummerierten Papiertüten. Ein sichtbarer Schritt, der tatsächlich Plastik einspart. Die Außenkartons bestehen bereits zu einem Großteil aus recyceltem Papier.
Zuckerrohr-Elemente: LEGO produziert bereits einzelne Teile aus biobasiertem Polyethylen, das aus Zuckerrohr gewonnen wird. Vorwiegend Pflanzenelemente (Bäume, Büsche, Blätter) — weil diese Teile keine hohen Präzisionsanforderungen haben. Ein LEGO-Baum aus Bio-PE funktioniert genauso wie sein ABS-Pendant, stellt aber keine Verbindungsanforderungen an die Klemmkraft.
Der Stein selbst: das ungelöste Problem. ABS durch ein Alternativmaterial zu ersetzen, das dieselbe Klemmkraft, Farbbrillanz, Temperaturfestigkeit und Langlebigkeit liefert — das hat LEGO bis heute nicht gelöst. 2023 gab das Unternehmen bekannt, dass ein zuvor intensiv verfolgter rPET-Ansatz (recyceltes PET aus Plastikflaschen) gescheitert ist: Das Material erzeugte mehr CO₂-Emissionen als der bisherige ABS-Prozess.
Was ABS eigentlich ist — und warum es so schwer zu ersetzen ist
ABS vereint drei Eigenschaften, die kaum ein Alternativmaterial gleichzeitig bietet:
- Präzision: LEGO-Steine werden mit einer Toleranz von 0,002 mm gefertigt. Die Klemmkraft muss über Jahrzehnte konstant bleiben.
- Farbbrillanz: ABS lässt sich in über 60 Farben produzieren, die UV-stabil und konsistent sind.
- Langlebigkeit: Ein ABS-Stein von 1958 klemmt heute noch. Kein biologisch abbaubares Material kann das leisten.
Das macht den Stein zur härtesten Nuss für LEGOs Nachhaltigkeitsziele.
Der unerwartete Vorteil: Langlebigkeit als Umweltargument
LEGO verteidigt Plastik mit einem starken Argument: Langlebigkeit. Ein LEGO-Stein von 1958 funktioniert heute noch. Er muss nicht ersetzt werden. Er landet nicht nach drei Monaten auf dem Müll.
Wegwerfkultur ist das eigentliche Umweltproblem der meisten Konsumgüter. Fast Fashion, Billig-Elektronik, Einwegplastik — all das landet nach kurzer Zeit auf der Deponie. LEGO-Steine werden generationenlang weitergegeben. Das Unternehmen nennt das “play value per gram” — und es ist ein ernsthaftes Argument.
Was passiert mit alten LEGO Sets?
Weitergabe und Second-Hand: Bricklink ist eine Milliarden-Plattform für gebrauchte LEGO-Teile. Millionen Sets wechseln jährlich den Besitzer — das ist echtes Recycling im besten Sinne. Ein Set, das drei Generationen durchläuft, hat einen minimalen Fußabdruck pro Nutzungsjahr.
LEGO Replay: In einigen Ländern gibt es ein offizielles Rückgabe- und Weitergabe-Programm. In Deutschland noch nicht flächendeckend etabliert, aber in den USA und Großbritannien bereits pilotiert. Gespendete Sets werden gereinigt und an Schulen, Kindergärten oder soziale Einrichtungen weitergegeben.
Reparatur statt Wegwurf: LEGO verkauft Ersatzteile — ein wichtiges Signal. Wer ein Teil verliert, muss nicht das komplette Set ersetzen. Diese Möglichkeit nutzen erschreckend wenige.
Müll: Ein Teil landet dennoch im Restmüll. ABS ist prinzipiell recyclebar, aber im Hausmüll-Recyclingsystem nicht erfasst. Spezielle Sammelstellen für Hartplastik nehmen LEGO-Steine an — je nach Gemeinde unterschiedlich.
Klemmbausteine anderer Marken — nachhaltiger?
Kurze Antwort: Nein. Auch BlueBrixx, CaDA, Mould King und andere Klemmbaustein-Hersteller verwenden ABS. Oft mit weniger Qualitätskontrolle — was zu schnellerem Verschleiß und früherem Wegwurf führt. Aus Nachhaltigkeitssicht sind günstigere Klemmbausteine mit schlechterer Langlebigkeit oft die schlechtere Wahl.
Kritik und Realismus
Nachhaltigkeits-Versprechen von Großkonzernen sind oft mehr Marketing als Substanz. Bei LEGO ist die Wahrheit komplizierter: Die Fortschritte bei Verpackung sind real. Das Scheitern beim nachhaltigen Stein ist ehrlich kommuniziert worden — was in der Unternehmenskommunikation eine Seltenheit ist.
Das 2030-Ziel ist unrealistisch, wenn darunter auch der Hauptstein fallen soll. Was realistisch ist: Stück für Stück mehr Biokunststoffe, bessere Rücknahmesysteme, weniger Verpackungsplastik und ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass Langlebigkeit der beste Nachhaltigkeitsbeitrag ist.
Fazit: Kein grünes Gewissen, aber kein schmutziges
Wer LEGO kauft, kauft Plastik. Das sollte niemand vergessen. Wer LEGO kauft und es jahrzehntelang nutzt, weitergibt und second-hand erwirbt, tut dem Planeten weniger Schaden als fast jeder andere Konsum. Die Wahrheit liegt — wie so oft — in der Nutzung, nicht nur im Material.
Mehr über die Geschichte von LEGO und seiner Materialentwicklung: Die Geschichte der Klemmbausteine.